St.-Josephs-Oratorium - L'Oratoire Saint-Joseph
Das Oratorium Saint-Joseph in Montréal erhebt sich über dem Mont Royal. Ein Blick auf seine Kuppel, Maßwerkfenster und Treppen – und auf die geistliche Bedeutung seines Aufstiegs.
KANADA
6/8/20265 min lesen




Das Oratorium steht auf dem Mont Royal, und man könnte meinen, dass es gewissermaßen aus dem Hang heraus wächst. Diese hohe Lage haben Wallfahrtsstätten, Kathedralen und große Kirchen häufig gemeinsam. Sie stehen sinnbildlich wie Leuchttürme über der Landschaft, deren Licht in die Dunkelheit hineinragt. Mitten in dieser Dunkelheit erhebt sich das Kreuz auf der riesigen Kupferkuppel, die von einer sogenannten Laterne gekrönt wird. Das Kreuz, das einst Sinnbild des Spottes und einer der schrecklichsten Formen der Hinrichtung war, ist zum Zeichen des Heils und zum Weg zum wahren Leben geworden.
Die Kuppel ist von vielen Orten rund um Montréal aus zu sehen. Immer wieder muss ich dabei an die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium denken: „Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“
Die Architektur einer Kirche und überhaupt eines Sakralbaus ist nie allein auf ihren praktischen Nutzen ausgerichtet. In ihr können sich geistliche Gedanken, Glaubenswahrheiten und geschichtliche Entwicklungen widerspiegeln. Auch beim Oratorium ist vieles bewusst auf eine aufsteigende Bewegung hin angelegt.
Der Innenraum wirkt avantgardistisch, fortschrittlich und ist stark vom Art Déco geprägt. Anstelle einer üppigen barocken oder neorenaissanceartigen Ausstattung begegnet man einer wesentlich strengeren, geometrisch geordneten und reduzierten Gestaltung. Formen, Linien und Flächen treten stärker in den Vordergrund als eine überreiche ornamentale Ausschmückung.
Gerade dieser Gegensatz zwischen Außen und Innen macht das Oratorium für mich so interessant. Von außen erscheint es wie eine gewaltige, in Stein und Kupfer errichtete Wallfahrtskirche, die sich sichtbar über die Stadt erhebt. Im Inneren wird die Architektur abstrakter und strenger. Doch beide Seiten folgen letztlich derselben Bewegung: Alles weist nach oben.
Denn auch die Architektur selbst führt den Besucher und Pilger gewissermaßen auf diesem Weg mit. Die Treppen, die aufsteigenden Linien, die Fenster, die Kuppel und schließlich das Kreuz bilden eine Bewegung, die nicht bei der bloßen Betrachtung des Bauwerks stehen bleibt. Sie kann an den eigenen inneren Weg erinnern – an den Aufstieg der Seele, die sich aus der Dunkelheit erhebt und dem Licht entgegengeht. Das Oratorium ist deshalb nicht bloß eine Kirche, die auf einem Hügel steht. Seine Architektur macht den Aufstieg selbst zu einem Teil des religiösen Erlebnisses.
Die Anlage nutzt den natürlichen Höhenunterschied des Mont Royal sehr eindrucksvoll. Von der Queen-Mary-Straße führt der Weg über das Parterre und schließlich über die lange, monumentale Treppenanlage hinauf zur Basilika. Dieser Aufstieg erinnert an eine Pilgerbewegung nach oben, an einen Weg, der den Menschen Schritt für Schritt aus dem Alltag heraus und dem Heiligtum entgegenführt.






Auch die Maßwerkfenster an den beiden Seiten des Langhauses verdienen einen genaueren Blick. Im Inneren der Basilika füllen bunte Glasfenster die hohen Fensteröffnungen aus und tauchen den Raum in farbiges Licht. Betrachtet man das steinerne Maßwerk von außen, erinnert seine Anordnung beinahe an eine Sonne, von deren Mitte Strahlen ausgehen. Die einzelnen Linien kreuzen und überschneiden sich und bilden dadurch ein geometrisches, fast sternenförmiges Muster. So sind die Fenster nicht einfach nur Öffnungen in den gewaltigen Seitenwänden. Ihr Maßwerk selbst wird zu einem Teil der architektonischen Gestaltung und lässt die Fenster wie strahlende geometrische Formen erscheinen.
masswerkfenster in der basilika an der seitenschiffsmauer
Die 283 Stufen werden dabei von einer mittleren Treppe mit 99 Holzstufen begleitet. Diese ist traditionell für jene Pilger bestimmt, die den Aufstieg auf den Knien vollziehen. Allein der Gedanke daran verleiht dieser gewaltigen Treppenanlage eine besondere Bedeutung: Der Weg nach oben ist nicht nur eine architektonische Achse, sondern kann selbst zu einer Form des Gebets werden.
BLICK VOM EINGANG AUF DEN BASILIKAINNENRAUM.


VOR DEM ALLERHEILIGSTEN, RECHTS VOM HAUPTALTAR.


SECHS DER APOSTEL SIND AN DER MAUER ZU SEHEN. DAS FARBIGE GLAS ENTFALTET EIN LEBENDIGES FARBENSPIEL AUS TIEFEM BLAU, ROT, ROSA UND LEUCHTENDEM WEISS.
Die Fassade der eigentlichen Basilika mutet deutlich renaissanceartig an. Besonders auffällig sind die Säulenvorhalle mit ihrer etwa 18 Meter hohen korinthischen Kolonnade, der Dreiecksgiebel, die streng symmetrische Gliederung, die monumentale Granitverkleidung und natürlich die gewaltige Kuppel, die sich über dem gesamten Bau erhebt.


Über der Basilika erhebt sich die große Kuppel. Sie ruht auf einem achteckigen Tambour, auf dem sich die Laterne erhebt und über der schließlich das Kreuz erscheint. Vier kleinere Türmchen mit konischen Dächern umgeben die Hauptkuppel und verleihen ihr zusammen mit der Laterne ihre unverwechselbare Silhouette.
Von außen ist das Oratorium also stark von der Architektur der Renaissance geprägt. Begibt man sich jedoch nach innen, begegnet einem ein überraschend starker Gegensatz.


bild von der queen-mary-road auf der gegenüber liegenden seite. Die kuppel krönt gewaltig die Basilika.
Bilder


vor der monumentalen freitreppe, die der Säulenvorhalle vorgelagert ist. zwischen vorhalle und basilika liegt die zwischenhalle.
Bilder entstanden bei meinen Zahlreichen Besuchen im St.-Josephs-Oratorium.


blick auf das parterre von der promenade aus, die sich entlang der kryptamauer durchzieht.


seitentreppe führt hinauf auf die aussichtsterrase.


masswerk krönt bogenfenster. im unteren feld glasmalerei.


die sonne beschert besuchern, die auf die stufen der freitreppe vor der basilika geströmt sind, einen schönen abend.
besucher genießen den sonnenuntergang auf der freitreppe.







