Sapientia - Allegorie der Weisheit- Basilika Notre-Dame de Fourvière

Allegorie der Weisheit

FRANKREICHLYON

6/8/20267 min lesen

Dort lesen wir:

AUDITE, QUONIAM DE REBUS MAGNIS LOCUTURA SUM;
EGO SAPIENTIA HABITO IN CONSILIO.

Also:

„Hört, denn ich werde von großen Dingen sprechen;
ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit.“

Die Inschrift greift Worte aus dem Buch der Sprüche, genauer aus Sprüche 8,6 und 8,12, auf und verbindet damit zwei verschiedene Verse.

In der Schlachterbibel heißt es:

„Hört, denn ich habe Vortreffliches zu sagen“
(Sprüche 8,6)

und:

„Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit“
(Sprüche 8,12).

Heute bringe ich euch nach Lyon, und zwar auf den Hügel von Fourvière, in die Basilika Notre-Dame de Fourvière, die von hier aus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts über die Stadt von Lyon wacht.

An der Stelle, an der heute diese prächtige Wallfahrtskirche wie ein Juwel der Architektur über der Stadt thront, befand sich in der Antike das Forum des Trajan. Kaiser Trajan regierte von 98 bis 117 n. Chr. eines der mächtigsten Reiche der damaligen Welt.

Im 11. Jahrhundert begann die Stadt Lugdunum, die in den Jahrhunderten zuvor an Bedeutung und Wohlstand verloren hatte, einen neuen Aufstieg. Und es war eben in dieser Zeit, genauer gesagt im Jahr 1168, dass die erste Marienkapelle auf dem Hügel von Fourvière errichtet wurde. Aus dieser kleinen Kapelle sollte sich im Laufe von mehr als sieben Jahrhunderten schließlich die heutige Basilika entwickeln.

Spulen wir nun ungefähr fünfhundert Jahre vor, in das Jahr 1643. Lyon war zum Schauplatz einer verheerenden Pestepidemie geworden. In der Hoffnung auf ein baldiges Ende der Seuche gelobte der Rat der Stadt, alljährlich eine Dankprozession zur Kapelle von Fourvière zu veranstalten, sollte die Stadt von der Pest verschont bleiben. Diese Prozession findet bis heute am 8. September, dem Fest der Geburt Mariens, statt.

Doch ein anderes Mal mehr zur Geschichte dieser Kirche.

Heute möchte ich mich einer kleinen, aber beeindruckenden Figur widmen, die leicht zu übersehen ist: der allegorischen Darstellung der Weisheit, der Sapientia, die sich an der „Treppe der Weisheit“ – l’escalier de la Sagesse – befindet, jenem monumentalen Treppenaufgang, der die Krypta mit der Oberkirche verbindet.

Die Figur stammt von Charles Dufraine (1827–1900), einem bedeutenden Bildhauer aus Lyon. Sie steht am oberen Ende des monumentalen roten Marmortreppenaufgangs zwischen Krypta und Oberkirche.

Die Weisheit befindet sich in einer kunstvoll gestalteten Wandnische. Hinter der Figur erhebt sich ein ornamental gestalteter, vergoldeter Baum, dessen Äste sich wie ein kostbares Muster über den Hintergrund ausbreiten. Auch die Einfassung der Nische ist reich verziert: Blattwerk und pflanzliche Ornamente rahmen die Figur ein und verleihen der gesamten Anlage etwas Lebendiges und zugleich Feierliches. Die Naturformen scheinen dabei nicht einfach nur dekorativ zu sein, sondern passen wunderbar zu einer Darstellung, in der Weisheit als etwas Lebendiges und Wirksames erscheint.

Die Figur selbst steht auf einem Sockel, der Teil eines muschelförmig gestalteten Beckens ist und von volutenartigen, also rollenförmig geschwungenen Ornamenten eingefasst wird. Unter den Voluten sind links und rechts die beiden ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets zu sehen: Alpha und Omega, in Holz geschnitzt — Anfang und Ende, ein Symbol, das in der christlichen Kunst auf Christus verweist.

Besonders eindrucksvoll ist für mich jedoch das Gesicht der Figur. Ihr Blick ist geradeaus nach vorne gerichtet. Es entsteht beinahe der Eindruck, als würde die Weisheit den Besucher unmittelbar ansehen und ihn zur Aufmerksamkeit auffordern. Vielleicht ist das nur meine persönliche Wahrnehmung; aber angesichts der Inschrift, die friesartig unmittelbar über ihr angebracht ist, scheint dieser Eindruck durchaus passend.

Die Weisheit wird hier also personifiziert. Sie spricht selbst zum Besucher: Ego Sapientia„Ich, die Weisheit“.

Und diese personifizierte Weisheit fügt sich wunderbar in das gesamte architektonische und theologische Ensemble von Fourvière ein. Sie ist es gewissermaßen, die den Menschen auf dem Weg zu einem tugendhaften Leben begleitet. Die vier Türme der Basilika stehen sinnbildlich für die vier Kardinaltugenden:

Fortitudo – die Stärke
Iustitia – die Gerechtigkeit
Prudentia – die Klugheit
Temperantia – die Mäßigung.

Man könnte es also so ausdrücken: Die Weisheit führt den Menschen zur Tugend und befähigt ihn, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie ist nicht bloß Wissen, sondern eine Erkenntnis, die das eigene Leben ordnet.

Und wie gelangt der Mensch zu dieser Weisheit?

Vielleicht gibt uns der Engel selbst eine Antwort. Im Psalm 111,10 lesen wir:

„Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit;
gute Einsicht ist allen eigen, die sie befolgen.
Sein Ruhm bleibt ewiglich bestehen.“

Mit der Furcht Gottes ist dabei nicht die Angst vor Gott gemeint, sondern vielmehr die ehrfürchtige Haltung des Menschen vor seinem Schöpfer: die Furcht, Gott zu beleidigen, sich von Ihm abzuwenden und Seiner Liebe nicht zu entsprechen.

Die Weisheit beginnt also dort, wo der Mensch erkennt, dass er selbst nicht der Mittelpunkt aller Dinge ist.

Vielleicht liegt gerade darin eine der großen Lektionen, die uns die Sapientia von Fourvière erteilen kann: Wahre Weisheit bedeutet nicht, Gott aus der Welt und aus dem eigenen Leben zu verbannen, sondern jedem — Gott, der Schöpfung und dem Menschen — seinen rechten Platz zu geben. In diesem Sinne könnte man die Weisheit als eine Grundlage, oder die Grundlage, eines wahren Humanismus, eines wahrhaft menschlichen Lebens, verstehen.

Auch der Ausdruck

HABITO IN CONSILIO

ist bemerkenswert. Consilium kann im Lateinischen nicht nur einen „Rat“ im Sinne eines Gremiums bezeichnen, sondern ebenso Überlegung, Beratung, klugen Entschluss und wohlbedachtes Urteil. Die Weisheit wohnt dort, wo der Mensch innehält, nachdenkt und seine Entscheidungen nicht allein aus Leidenschaft oder Eigennutz trifft.

Der Weise lässt sich gleichsam von den Tugenden beraten.

Dem aufmerksamen Besucher wird vielleicht auch nicht entgehen, dass die Basilika eigentlich aus zwei übereinanderliegenden Kirchen besteht: der Oberkirche und der Krypta. Einer der leitenden Gedanken des Architekten Pierre Bossan war es, den Pilger gewissermaßen „durch Josef zu Maria“ zu führen — par Joseph à Marie: von der Krypta des heiligen Josef hinauf zur Marienkirche.

Der Weg durch die Basilika lässt sich deshalb auch symbolisch als ein Weg von der Dunkelheit zum Licht verstehen. Die Krypta und die Oberkirche bilden dabei zwei unterschiedliche, miteinander verbundene Ebenen. Wenn man diese Architektur geistlich deutet, kann man die Krypta mit der Erwartung und dem Alten Bund und die Oberkirche mit der Erfüllung in Christus und der Verehrung Mariens verbinden.

Der Weg durch die Basilika lässt sich deshalb auch symbolisch als ein Weg von der Dunkelheit zum Licht verstehen. Die Krypta und die Oberkirche bilden dabei zwei unterschiedliche, miteinander verbundene Ebenen. Wenn man diese Architektur geistlich und ikonographisch deutet, kann man die Krypta mit der Erwartung und dem Alten Bund und die Oberkirche mit der Erfüllung in Christus und der Verehrung Mariens verbinden.

Und genau an dieser Schwelle zwischen unten und oben, zwischen Krypta und Oberkirche, begegnet uns die Sapientia.

Das ist umso bemerkenswerter, wenn wir uns daran erinnern, dass Weisheit und Maria in der christlichen Tradition immer wieder miteinander in Verbindung gebracht wurden. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Ikonographie kennt Maria als Sedes Sapientiae, als den „Thron der Weisheit“. Christus, die göttliche Weisheit, sitzt auf ihrem Schoß, während Maria zum Thron wird, auf dem die Weisheit selbst erscheint.

So fügt sich auch die kleine Statue in das große theologische Programm von Fourvière ein: Der Pilger steigt hinauf, und auf seinem Weg begegnet er der Weisheit.

Doch damit endet die Botschaft dieser Treppe noch nicht.

Unmittelbar vor dem Weihwasserbecken befindet sich auf dem Boden eine weitere lateinische Inschrift:

NOLITE TIMERE
EGO PASCAM VOS
ET PARVULOS VESTROS

„Fürchtet euch nicht;
ich will euch und eure Kinder versorgen.“

Die Worte stammen aus dem 1. Buch Mose (Genesis) 50,21.

Dort begegnen wir Josef, dessen Brüder ihn einst aus Neid nach Ägypten verkauft hatten. Jahre später, nachdem Josef zu großer Macht gelangt war, fürchteten sie seine Rache. Doch Josef vergilt ihnen das Böse nicht mit Bösem. Stattdessen beruhigt er sie und verspricht, für sie und ihre Familien zu sorgen:

„So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen!“

Besonders schön ist dabei das lateinische Verb pascere, von dem pascam stammt. Ursprünglich bedeutet es „weiden“, so wie ein Hirte seine Schafe weidet. Daraus entwickeln sich die Bedeutungen „ernähren“, „versorgen“ und „für jemanden sorgen“.

Und vielleicht liegt gerade darin ein schöner Abschluss für unseren kleinen Rundgang.

Oben auf der Treppe spricht die Sapientia:

„Hört!“

Und unten, auf dem Boden, begegnet uns die andere Botschaft:

„Fürchtet euch nicht.“

Hört auf die Weisheit. Fürchtet euch nicht.

Zwischen diesen beiden Worten liegt vielleicht ein ganzer Weg des christlichen Lebens: die Weisheit zu suchen, Gott zu vertrauen und aus diesem Vertrauen heraus das Gute zu tun.

Wer die Treppe von Fourvière hinaufsteigt, bewegt sich dabei nicht nur von einer Kirche in die andere. Er steigt — zumindest symbolisch — aus der Dunkelheit ins Licht, von der Unruhe zum Vertrauen und von der Erkenntnis zur Tugend.

Und vielleicht ist genau deshalb die Sapientia dort aufgestellt: an einem Übergang, an dem der Mensch innehält, bevor er weiter hinaufsteigt.

Sie schaut uns an und sagt:

AUDITE — Hört!

Und wenige Schritte zuvor oder danach lesen wir:

NOLITE TIMERE — Fürchtet euch nicht.

Vielleicht sind das zwei Worte, die wir uns nicht nur beim Besuch von Fourvière, sondern auch für unseren eigenen Lebensweg merken sollten.

Hört auf die Weisheit. Fürchtet euch nicht. Und geht weiter hinauf.

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